Reich an Geschichten aller Art sind die Gefilde Saruchos. Jede Zeit und jedes Volk hat seine eigenen Sagen, die von Einflüssen aller Art geprägt sind. Alles ist einem ständigen Wandel unterworfen. Weder Orte noch Geschöpfe vermögen ihm zu widerstehen.

Jede Geschichte steht für sich, doch ist sie auch ein Teil des großen Ganzen, das Sarucho, wie jede lebendige Welt, ausmacht.

»Sagen aus Sarucho – Band III« umfasst 24 solcher Geschichten.


Taucht ein in die Sagen aus Sarucho, wie es Euch beliebt:

Leseprobe: Die Königin der Wälder

Jahrhundertelang herrschte erbitterte Feindschaft zwischen den sechs Reichen von Vanrania. Bisweilen äußerte sich diese als stiller Austausch von verhaltenen Drohungen, kaum mehr als eine Meinungsverschiedenheit über das Wetter oder die Farbe des Waldes. Dann wiederum wurden ihretwillen schreckliche Schlachten geschlagen, die weite Landstriche verwüsteten und tausende Leben zerstörten.
Schließlich brach dann ein Krieg zwischen den sechs Reichen aus, der so blutig war wie keiner seiner Vorläufer und so lange andauerte, dass niemand mehr wusste, wer ihn begonnen hatte und aus welchem Grund er geführt wurde. Lange schon waren die Menschen das Gemetzel leid und doch kämpften sie weiter, in der Hoffnung, einer möge den Sieg erringen und einen bleibenden Frieden erzwingen. Mit jedem Jahr jedoch rückte diese Hoffnung weiter in die Ferne.
In diese kummervolle Zeit wurde ein Kind hineingeboren. Kein gewöhnlicher Mensch war Silvena. Ihr Vater Galatius war ein einfacher Mann aus einer alten Familie, die seit vielen Jahren in einem Tal südöstlich von Sahilinon lebte. Ihre Mutter jedoch gehörte zu den Enylen, den unsterblichen Geistern, die damals in großer Zahl durch die Wälder Vanranias streiften. Nicht selten kam es in jenen Tagen vor, dass die Waldgeister Beziehungen mit Sterblichen eingingen und so war Silvena auch nicht das einzige Kind, das aus einer solchen Verbindung hervorgegangen war. Und doch galt sie – wie alle ihrer Art – als besonderer Segen.
Fern allen Krieges wuchs Silvena mit ihrer Halbschwester Venira, ihrem Vater und ihrer Stiefmutter Lerava auf. Nichts wusste sie von ihrer Abstammung, hatten ihre Eltern doch beschlossen, nicht darüber zu sprechen. Ihre Stiefmutter behandelte sie wie ihr eigen Fleisch und Blut, auch nachdem ihr Vater in die Schlacht gezogen und niemals wiedergekehrt war.
Als Silvena fünfzehn Jahre alt war, kam es zu einem schrecklichen Streit mit ihrer Schwester. Infolgedessen erfuhr sie, dass die Frau, die sie bis dahin für ihre Mutter gehalten hatte, gar nicht mit ihr verwandt war. Da die Wahrheit nun nicht mehr zu verbergen war, erzählte ihre Stiefmutter ihr, wer sie wirklich war. Zugleich warnte Lerava ihre Stieftochter davor, nach der Sippe ihrer Mutter zu suchen, denn gefährlich waren die Enylen in den letzten Jahren geworden.
Von dieser Enthüllung zutiefst verstört, brach Silvena der Mahnung ihrer Stiefmutter zum Trotz allein in die Wildnis auf, um ihrer Herkunft nachzugehen. Wochenlang irrte sie durch die Wälder. Schon war sie kurz davor, nach Hause zurückzukehren, als sie in einem lichten Weidengehölz auf einige der Waldgeister stieß.
Sofort erkannten diese, wessen Blut durch die Adern des Mädchens floss. Lange schon war dessen Mutter entschwunden, ein weiteres Opfer des Krieges, den die Menschen in den Wäldern führten. Dennoch gestatteten es die Enylen dem jungen Mädchen, das weder in die Welt der Menschen noch der Geister gehörte, eine Weile bei ihnen zu bleiben.
Dort lernte Silvena so manches über die Schöpfung und das Sein, was sterblichen Menschen für gewöhnlich verborgen blieb. So erkannte sie auch das wahre Ausmaß des Grauens, das der Krieg brachte, der um sie herum tobte. Als die Enylen ihr dann weissagten, dass sie allein das Ende dieses Übels herbeizuführen vermochte, war sie nur allzu willig, ihr Schicksal anzunehmen.

Erst siebzehn Jahre alt war Silvena, als sie die Wildnis hinter sich ließ, doch besaß sie die Weisheit von Jahrhunderten. So ging sie zunächst zu Danacor, dem greisen König von Erevena. Lange schon lag dieser im Sterben, doch auch auf dem Totenbett war er nicht gewillt, von dem Krieg abzusehen, den er seit seiner Jugend führte. Oftmals hatten seine Berater und Vertrauten ihn bereits vergeblich dazu gedrängt, doch erst Silvena gelang, woran viele vor ihr gescheitert waren.
Nachdem sie mit dem König gesprochen hatte, war dieser wie ein neuer Mensch. Nicht nur, dass sein langes Leiden von ihm abgefallen war, wirkte er um Jahre jünger. Zudem war er nun endlich bereit, den alten Groll abzulegen und Verhandlungen mit den anderen Reichen Vanranias aufzunehmen.
Um diese zu beginnen, schickte Silvena ihn zum Egragor, dem heiligen Berg der Vanrier. Sie selbst reiste von Erevena aus in das benachbarte Demenia. Auch dessen König Rivariel vermochte sie durch kluge Worte vom Frieden zu überzeugen. Ebenso geschah es bei Tredaramis und Ovanea, den Königinnen von Enylenia und Miselar, die einander vor Vola Hisil in der Schlacht gegenüberstanden. Silvena trat zwischen die verfeindeten Heere und schickte sie nach Hause. Die Königinnen jedoch befahl sie zum Egragor.
Von Miselar gelangte Silvena nach Firagan, dessen kriegsbegeisterten König Osovan sie ebenfalls überzeugte, die Waffen niederzulegen. Zuletzt ging sie nach Ronarsal, wo sie mit Avarode, der jungen Königin von Sirivena in Verhandlung trat. Lange und hart waren diese Gespräche, denn ihre Gegenspielerin verachtete sie, die sie aus dem verhassten Erevena stammte. Nach sieben Tagen und sieben Nächten gelang es Silvena jedoch, auch Avarode davon zu überzeugen, zum Egragor zu gehen.
So geschah es, dass zur Sommersonnenwende die Königinnen und Könige aller sechs Reiche von Vanrania auf dem Gipfel des heiligen Berges aufeinandertrafen. Große Zwietracht herrschte unter ihnen, kaum verhaltene Drohungen und Beleidigungen hingen in der Luft. Und doch schwiegen alle, als Silvena zwischen sie trat.
Unter ihrem Vorsitz wurde Rat gehalten. Vierzig Tage lang stritten die mächtigsten Menschen von Vanrania miteinander. Vierzig Tage lang wurden Zugeständnisse gemacht. Nach und nach wandelte sich der alte Zorn in Mitleid und Verständnis füreinander. Mehr und mehr legten die einstigen Feinde ihre Vorurteile ab.
Schließlich und endlich wurde der lang ersehnte Friede geschlossen. Zum Zeichen der Hoffnung, dass dieser Bestand haben würde, pflanzte Silvena auf dem Gipfel des Egragor eine Weide. Dort wurde sie von jenen, die sie geeint hatte, zur Großkönigin und Schlichterin ernannt.

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